Ukraine-Krieg, Energiekrise und die fehlende Robustheit Deutschlands

In einem Interview für „Mission Money“ hatte ich vor ein paar Tagen die Gelegenheit, die aktuelle Krisen- und Risikolage Deutschlands einzuordnen und auf weitere bestehende volkswirtschaftliche und geopolitische Risiken hinzuweisen (vielen Dank lieber Herr Lochner für die Gelegenheit zum Interview).

Das Interview finden Sie hier: https://www.youtube.com/watch?v=68WjD5DE264.

Auch wenn der Titel nun eine doch recht knappe – und harte – Zusammenfassung meiner Analysen darstellt, lässt sich die Kritik wissenschaftlich klar untermauern. Wir wissen leider seit Jahren, dass der deutsche Staat nicht ausreichend robust ist. Und die in der Risikoforschung seit langem bekannten Risiken wurden weitgehend ignoriert und bei wichtigen politischen Entscheidungen nicht berücksichtigt. Den vertiefend interessierten Lesern empfehle ich dazu folgende beispielhafte Studien:

Ich hoffe sehr, dass die nun in der aktuellen Krise (erneut) offenkundig gewordene Relevanz des Themas dazu führt, dass man dem Problem der Risikoblindheit bei vielen Entscheidungsträgern, bei Staat und Politik, etwas entschiedener entgegentritt – und mehr an der Verbesserung der Robustheit von Deutschland und der deutschen Unternehmen arbeitet.

Auch wenn ich neben Planszenarien immer auch versuche, über die weniger erfreulichen „Stressszenarien“ nachzudenken, bleibe ich dabei doch ein Optimist.

von Werner Gleißner

20. Juli 2022

Versorgungsengpass, Single Sourcing und unternehmerische Entscheidungen

Kritische Abhängigkeiten gehören zu den ganz wesentlichen strategischen Risiken, die bei jeder Risikoanalyse besonders betrachtet werden. Die Lieferkettenprobleme und die kritische Abhängigkeit von russischem Gas, die durch den Ukraine-Krieg offenkundig wurde, zeigen bestehende kritische Abhängigkeiten, die oft durch bewusste „Single Sourcing-Entscheidungen“ entstanden sind. Der deutsche Staat und viele Unternehmen haben in der Vergangenheit Entscheidungen getroffen, bei denen Beschaffungskosten, nicht aber die mit der zunehmenden Abhängigkeit verbundenen Risiken, betrachtet wurden. In vielen Fällen ist dies als weiteres Indiz für die verbreitete Risikoblindheit und die ausgeprägten Schwächen im Risikomanagement zu interpretieren. Politische Entscheidungen und auch unternehmerische Entscheidungen erfordern eine systematische Vorbereitung, insbesondere eine entscheidungsvorbereitende Risikoanalyse. Die unternehmerischen Entscheidungen für ein Single Sourcing unterliegen den Anforderungen der Business Judgement Rule (§93 AktG). Ohne eine quantitative Risikoanalyse und ein Abwägen von erwarteten Kosteneinsparungen gegenüber dem erhöhten Risikoumfang wird die gesetzliche Sorgfaltspflichtanforderung nicht erfüllt.

Es bleibt zu hoffen, dass die aktuellen Erfahrungen demonstrieren, wie wichtig eine sachgerechte Betrachtung von Risiken jeder unternehmerischen Tätigkeit tatsächlich ist. Risikomanagement ist eine Kernaufgabe der Unternehmensführung.

Zuletzt 2020 haben mein Kollege Frank Romeike und ich in einem Beitrag auf Risikoblindheit bei Single Sourcing-Entscheidungen und die hier bestehenden persönlichen Haftungsrisiken für die involvierten Geschäftsleiter verwiesen. Der Text ist hier verfügbar:

Gleißner, W./Romeike, F. (2020): Corona-Krise und Single Sourcing, https://www.risknet.de/themen/risknews/corona-krise-und-single-sourcing/.

von Werner Gleißner

06. April 2022

Krisen, überall! Und wer hat die Risiken beachtet?

Die Finanzkrise 2008, die Corona-Pandemie ab 2020 und nun der Ukraine-Krieg mit seinen wirtschaftlichen Folgen zeigen es deutlich: jede unternehmerische Tätigkeit ist mit Risiken verbunden. Und gerade die Risiken aus dem geopolitischen Umfeld sollten nicht ignoriert werden, da sie oft zu schweren Wirtschaftskrisen führen.

Studien zeigen aber auch, dass in den meisten Unternehmen Chancen und Gefahren (Risiken), die zu Planabweichungen führen können, zu wenig beachtet werden. Insbesondere werden an sich bekannte Risiken aus dem Umfeld, wie Pandemie, geopolitische Risiken oder eine drohende Zinskrise ignoriert. Auch bei unternehmerischen Entscheidungen werden Risiken ignoriert, was die oft auf Single-Sourcing-Entscheidungen zurückführbaren akuten Lieferketten-Probleme zumindest mit erklärt. Es hilft offensichtlich wenig sich erst mit Risiken zu beschäftigen, wenn sie bereits eingetreten sind. Zu empfehlen ist eine systematisch Risikoanalyse, die insbesondere auch volkswirtschaftliche „Extremrisiken“, die zu Krisen führen können, mit betrachtet. Dies ist ökonomisch sinnvoll und seit 01.01.2021 durch §1 StaRUG auch bei mittelständischen Unternehmen gesetzlich vorgeschrieben („Die News“, https://dienews.net/artikel/haftungsrisiken-minimieren/).

Gefordert wird die Früherkennung möglicher „bestandsgefährdender Entwicklungen“ und bei Bedarf die Initiierung „geeigneter Gegenmaßnahmen“ zur Risiko- und Krisenbewältigung. Solche bestandsgefährdenden Entwicklungen sind meist das Resultat von Kombinationseffekten mehrerer Einzelrisiken, was eine Identifikation, Quantifizierung und Aggregation von Risiken erfordert. Die schnelle Veränderung des politischen und ökonomischen Umfelds seit Anfang 2022 lässt es ratsam erscheinen, eine bestehende Risikoanalyse, speziell die Risikoquantifizierung, zu aktualisieren und dabei systematisch volkswirtschaftliche und geopolitische Risiken näher zu betrachten.

von Werner Gleißner

31. März 2022

Publikationen

Aktuelle Publikationen

Prüfung und Weiterentwicklung von Risikomanagementsystemen
Springer Fachmedien Verlag Wiesbaden 2019
Gleißner, Werner / Sassen, Remmer / Behrmann, Martin
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Risikomanagement und Controlling, 2. Auflage
Haufe Lexware, München 2017
Gleißner, Werner / Klein, A.
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Vade Mecum für Unternehmenskäufe
Springer Fachmedien, Wiesbaden 2018
Gleißner, Werner / Blum, Ulrich / Nothnagel, P. / Veltins, M.A.
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Grundlagen des Risikomanagements im Unternehmen, 1. Auflage
Vahlen Verlag, München 2008
Gleißner, Werner
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FutureValue – 12 Module für eine strategische wertorientierte Unternehmensführung
Gabler, Verlag 2004
Gleißner, Werner
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Wertorientierte Unternehmensführung, Strategie und Risiko
2019
Gleißner, Werner
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Private Equity – Beurteilungs- und Bewertungsverfahren von Kapitalbeteiligungsgesellschaften
Wiley 2008
Gleißner, Werner / Schaller, Armin
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ICV Leitfaden: Entscheidungsvorlagen für dieUnternehmensführung. Leitfaden für die Vorbereitung unternehmerischer Entscheidungen(Business Judgement Rule)
Haufe Lexware 2021
Gleißner, Werner / Berger, Thomas / Vanini, Ute / Huber, Ralf / Günther, Thomas / Kottbauer, Markus etc
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Wertorientiertes Risikomanagement für Industrie und Handel
Gabler Verlag 2004
Gleißner, Werner / Meier, Günter
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Rating-Lexikon
Beck Juristischer Verlag 2005
Gleißner, Werner / Füser, Karsten
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Risikoaggregation und Monte-Carlo-Simulation – Schlüsseltechnologie für Risikomanagement und Controlling
Springer Fachmedien, Wiesbaden 2019
Gleißner, Werner / Wolfrum, Marco
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Rating Software – Welche Produkte nutzen wem ?
Vahlen Verlag, München 2007
Gleißner, Werner / Everling, Oliver
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Kursbuch Unternehmenserfolg, 2. Auflage
Gabal Verlag 2001
Gleißner, Werner / Weissman, Arnold
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Einfach Lernen! Risikomanagement (2. Auflage)
2016
Gleißner, Werner / Berger, Thomas
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Der Vorstand und sein Risikomanager – Dreamteam im Kampf gegen die Wirtschaftskrise, 2. Auflage
UVK Verlag, Konstanz 2019
Gleißner, Werner
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Grundlagen des Risikomanagement in Unternehmen: Controlling, Unternehmensstrategie und wertorientiertes Management, 2. Auflage
Vahlen Verlag, München 2017
Gleißner, Werner
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Risikoorientierte Bauprojekt-Kalkulation
Vieweg+Teubner Verlag 2011
Gleißner, Werner / Heine R. / Kölzer, H. / Oepen, R.P. / Wieczorek, R.
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Leitfaden Rating, Basel II: Rating-Strategien für den Mittelstand, 2. Auflage mit CD-ROM
Vahlen Verlag, München 2003
Gleißner, Werner / Füser, Karsten
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Risikomanagement im Mittelstand
RKW Verlag Eschborn 2004
Gleißner, Werner / Lienhard, Herbert / Ströder, Dirk (Hrsg.)
Details
Grundlagen des Risikomanagements im Unternehmen, 2. Auflage
Vahlen Verlag, München 2011
Gleißner, Werner
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Notwendigkeit, Charakteristika und Wirksamkeit der Heuristischen Geldpolitik, 2. Auflage
Schäffer-Poeschel-Verlag 1999
Gleißner, Werner
Details
Faustregeln für Unternehmer – Leitfaden für strategische Kompetenz und Entscheidungsfindung
Gabler Verlag 2000
Gleißner, Werner
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Die 499 besten Checklisten für Ihr Unternehmen
Verlag Moderne Industrie 2006
Gleißner, Werner / Osolla-Harring, C. / Schaller, Armin / Wendland, H. (Hrsg.)
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